Compound instiktiv

Ich möchte kurz vorweg schicken, dass ich mir aus gesundheitlichen Gründen (chronische Schulterbeschwerden) so ein “Fahrrad” gekauft habe. Jetzt möchte ich gerne über meine ersten Erfahrungen schreiben, da es ja eigentlich nicht üblich ist, einen Compound blank mit den Fingern zu schießen. Als ich mit Anfangs mich dem Thema Compound instinktiv befasst habe, laß ich im Internet immer wieder, dass man unter 40″ ATA (=Achsabstand der beiden Rollen – also die Bogenlänge) garnicht erst anfangen sollte. 38″ vielleicht gerade noch möglich, aber am Besten einen Hoyt mit 45″. Das ganze stimmt sicherlich – jedoch hat die Sache bzw. hatte die Sache für mich einen großen Haken – nämlich den Preis!

Diese Bögen für das Scheibenschießen sind dermaßen teuer, dass so etwas für mich, der ja erstmal in die Materie hineinschnuppern wollte, einfach nicht in Frage kam. Also googlte ich, zugegebenermaßen leicht geknickt, weiter und fand einige Amerikaner, die ihre kurzen Jagd-Compoundbögen blank und mit den Fingern schossen; teilweise auch ohne Schießhandschuh oder Tab! Sofort wusste ich: “DAS will ich auch!” zumal die kurzen Einsteigerbögen der renomierten Marken so um die 300 Euro liegen. Also bestellte ich in den USA einen Martin Saber Compound mit 32″ ATA. Da sich das Ganze aber ein paar Wochen hinziehen würde, und sich die Gelegenheit gerade ergab, holte ich mir als “Überbrückungsbogen” einen Fred Bear Charge – 30″ kurz. mit einem Maximalzuggewicht von 50#.

Zuggewichtseinstellung?

Zur Zuggewichtsverstellung sei erwähnt, dass man bei Compoundbögen das Zuggewicht, also den Wiederstandt, den es zu überwinden gilt, durch verstellen der “Limb-Bolts” variiert werden kann. So kann man diese Bögen um 10 bis 15 Pfund Zuggewicht verringern – bei meinem Modell drehte ich die Schraube oben und unten um jeweils 4 Umdrehungen heraus. Ich habe meinen Bear Bogen auf ca. 43 Pfund Zuggewicht eingestellt, und der 80% “Let-off” bewirkt, dass ich fast kein nennenswertes Gewicht mehr im Vollauszug auf den Fingern habe.

.

.

Schießhandschuh, Tab oder blanke Finger?

Tab habe ich im traditionellen Bereich noch nie wirklich gemocht. Also habe ich es auf dem Compound garnicht erst versucht. Also kann ich hierüber keine qualifizierte Aussage treffen. Bei den Fingern ohne Handschuh sieht das schon anders aus. Guy Fitzgerald auf Youtube schießt meistens komplett ohne Handschuh und das war auch das Erste, was ich selbst versucht habe. Klappt hervorragend von der Belastung her – nur nicht mit meinen Fingern, denn ich habe gemerkt, dass ich mit dem Black Glove am saubersten lösen kann. Durch das “Textile” rutscht die Sehne besser über die Finger und bleibt nicht, wie bei mir, leicht an der Unterseite der Fingerkuppe hängen. Aber da sind jede Finger anders – prinzibiell besteht fast kein unterschied zwischen blanken Fingern und Schießhandschuh. Ich persönlich verwende einen mediteranen Ankerpunkt und habe drei Finger an der Sehne – einen über und zwei unter dem Pfeil.

.

.

Wie schießt sich so ein Compound denn jetzt?

Anfänglich ungewohnt. Was aber sofort auffällt ist, dass man sich wesentlich mehr auf den Abschussablauf konzentrieren kann – und auch muss. Man stelle sich vor, man schießt einen 30″ kurzen Recurve mit ca. 250-300 fps Geschwindigkeit – so ungefähr verhält sich dieses Teil. Was war fehlerverzeihend noch mal? Sicherlich kein kurzer Compound. Jeder noch so kleine Ablassfehler potenziert sich auf die steigende Entfernung brutal – hier ist sauberes und konzentriertes Schießen angesagt. Aber das schöne ist – durch den “let-off” kann man das auch. Man schafft es schon auf 40 Meter zwei Pfeile direkt aneinander zu setzen – aber wenn man nicht konzentriert und halbherzig herangeht, kann man auch schonmal an der Scheibe vorbei schießen. Das hört sich jetzt sehr dramatisch an, aber wenn die Technik passt, kann man mit einem 30″ kurzen Compound mit Finger-Ablass ordentlich schießen.

.

.

Wie ist das “Feeling” auf dem 3D-Parcours?

Ich war mit meinem neuen Bogen jetzt schon mehrere Male auf dem Haus-3D-Parcours in Rossach unterwegs und muss sagen, dass es sich mittlerweile garnicht so anders anfühlt wie früher. Ich gehe zum Pflock, zeihe aus, Bogen leicht schräg, fokusiere mich genau aufs den “Spotbereich” im “Kill” und die Welt um mich herum beginnt zu verschwinden. Man steht da – fühlt – denkt nicht – fühlt sich genau auf den Punkt im Ziel – dann der Release – und dann bricht der Pfeil mit unglaublicher Geschwindigkeit auf das Ziel los. Auf 40 Meter leicht ballistisch, sieht man dem Pfeil auf dem Weg ins Ziel zu – und “TOCK” – Pfeil sitzt – Schussablauf beendet. Was der Bogen aufgrund seiner Kürze an Nervosität verliert, macht er durch seine wahnsinnige Geschwindigkeit wieder wett. Wenn man mal leicht verreist oder ungut löst, steckt der Pfeil halt etwas weiter links oder rechts – aber da sich bis 40 Meter Entferung alles so anfühlt wie traditionell auf 20 ist das Trefferbild doch relativ gut. Exakt – 1000%ig auf den Punkt zu schießen ist schwierig – klappt aber langsam, mit wachsender Erfahrung und Übung schon ganz gut. Könnte allerdings besser sein. Hier werden die “langen” Compound-Bögen auf jeden Fall besser Abschneiden!

.

.

Fazit:

Einen kurzen und relativ “billigen” Einsteiger Compoundbogen mit 30″-32″ zu schießen ist möglich und macht verdammt viel Spass. Weltmeisterplatzierungen werden sich im Turnier damit nicht erreichen lassen, aber ich komme mit viel Konzentration und Übung fast an meine alten Ergebnisse mit dem Recurve hin. Ich schätze, wenn ich mal ein halbes Jahr geübt und mich an den Bogen gewöhnt habe, werde ich keinen großen Unterschied mehr festellen können. Wer auf Punkte angewiesen ist und nicht über die absolut perfekte Technik verfügt, dem rate ich von diesen kurzen Giftspritzen ab – wer aber wie ich, auch mal mit ein oder zwei “10ern” auf dem Schusszettel leben kann wird seine ware Freude an diesen futuristischen Energiebündeln haben. Für mich, wegen gesundheitlicher Einschränkungen, eine gute Wahl – ich bin mit dem Kurzen sehr zufrieden und kann endlich wieder den ein oder anderen 3D Parcours besuchen gehen. Wir sehen uns im Wald :-)

2 Responses to Compound instiktiv

  1. [...] englischen Langbogen aus einem Stück Hickory angefangen. Da ist ein Compound ja ein No-No. Nun hat mir Markus aber vorgemacht, dass man auch traditionell fühlen und trotzdem Compound schiessen kann. Und als ich nun im [...]

  2. [...] auch etwas ganz besonderes zum Bogenschießen einfallen lassen. Markus erklärt, wie man einen Compound instinktiv schiessen kann Selbst der reguläre Parcour im Steigerwald ist schon wunderschön! Nur vor den [...]

Leave a Reply